„Doktor Wertlos“ titelte die NZZ vor einem Jahr. Der Artikel wies auf die steigenden Arbeitslosenzahlen bei Personen mit Doktortitel hin. Obwohl diese mit 2.4% deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung liegen, wirft dieser Trend Fragen auf. Während noch vor Jahren ein Doktortitel längerfristig eine gute Karriere – ob in Wissenschaft oder Wirtschaft – versprach, ist der Wert des akademischen Grades heute unklar. In der Schweiz entscheiden sich ca. 20% der Masterabsolventen für diesen Schritt. Doch zahlt sich dieser Schritt auch finanziell aus? Hier eine grobe Analyse.

 

Hohe Opportunitätskosten

Ein wissenschaftlich ausgelegtes Doktorat dauert durchschnittlich um die 4 Jahre. In dieser Zeit sammeln Absolventen mit einem Direkteinstieg Berufserfahrung und erzielen ein deutlich höheres Gehalt. Schaut man sich das Medianeinkommen der Masterabsolventen von 2010 nach einem Jahr und fünf Jahre nach Abschluss an, erzielen diese in den ersten fünf Jahren im Durchschnitt einen Bruttojahreslohn von CHF 85‘900. Ein durchschnittliches Doktorandengehalt liegt bei ca. CHF 48‘000. Bereits über diese vier Jahre ergibt sich ein Einkommensunterschied von ca. CHF 150'000. Grob gerechnet müsste der Doktorand über die nächsten 35 Jahre im Durchschnitt CHF 4‘500 pro Jahr zusätzlich verdienen. Auch nach dem Abschluss liegen Doktoranden mit ihren Einkommen leicht hinter den Masterabsolventen zurück - welche nun schon seit 5 Jahren arbeiten - wie die folgende Grafik zeigt.

Abbildung 1: Medianeinkommen Doktorand vs Masterabsolvent (Quelle: BFS Hochschulabsolventenbefragung)

 

Unterschiede nach Fachrichtung

Der Vergleich verschiedener Fachrichtungen weist auf beträchtliche Unterschiede hin. Gerade in Fachrichtungen mit hohen Absolventengehälter sind natürlich auch die Opportunitätskosten am höchsten. Für Doktoranden in Wirtschaftswissenschaften oder in Medizin und Pharmazie ist die Differenz über 5 Jahre mit ca. CHF 180‘000 klar am grössten.

Tabelle 1: Median Bruttoeinkommen nach dem Master im Vergleich zum Doktorat (Quelle: BFS Hochschulabsolventenbefragung)

Diese deskriptive Analyse hat eine Schwäche. Hauptsächlich überdurchschnittlich gute Studenten entscheiden sich für ein Doktorat. Möglicherweise werden daher durch den Vergleich zum Medianeinkommen die Opportunitätskosten des Doktoranden gar unterschätzt.

 

Längerfristige Entwicklung unklar

Nun stellt sich die Frage, wie sich die Einkommen über die folgenden 35 Jahre entwickeln. Können die Opportunitätskosten durch zukünftige höhere Gehälter für Absolventen mit einem Doktorat ausgeglichen werden?

Leider gibt es für die Schweiz keine öffentlich verfügbaren Daten um diese Frage detailliert zu analysieren. Anhand von Studien in anderen Ländern häufen sich jedoch die Indizien, dass sich ein Doktorat oft auch längerfristig finanziell nicht auszahlt. 

Die Studie von Bernard Casey zeigt beispielsweise, dass Individuen mit Doktorat in Großbritannien nur minimal höhere Einkommen erzielen. Bei Frauen besteht gar kein Unterschied zwischen Masterabsolventinnen und Absolventinnen mit Doktorat. Folgende Tabelle gibt eine Übersicht über verschiedene Fachgebiete. Jede Spalte zeigt den Unterschied in Prozent von Personen mit verschiedenen Abschlüssen im Vergleich zu Leuten ohne Studium. Für mehrere Fachrichtungen ergeben sich also gar negative Renditen aus einem Doktorat im Vergleich zum Master. Es gilt jedoch zu bedenken, dass sowohl das britische Bildungssystem als auch der Arbeitsmarkt nur bedingt mit dem Schweizerischen vergleichbar sind.

Tabelle 2: Ausbildungs-Premium nach Abschluss, Fachrichtung und Geschlecht (Quelle: B. Casey, 2009)

Eine mehrdimensionale Entscheidung

Wer sich aus primär finanziellen Überlegungen für ein Doktorat entscheidet, erzielt gemäss der gezeigten Evidenz wohl eine nicht befriedigende Rendite. Der Lohn widerspiegelt jedoch nur eine Dimension der Arbeit. Es gibt viele Stellen - beispielsweise in der Forschung - für welche ein Doktorat eine Vorbedingung ist. Ein Doktorat liefert zudem eine oft einzigartige Gelegenheit, sich auf eine Thema zu fokussieren und sich einer intellektuellen Herausforderung selbständig zu stellen.


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