Gender Pay Gap: Verdienen Frauen noch immer deutlich weniger?

Der Gender Pay Gap ist ein viel diskutiertes Thema. Frauen scheinen es schwer zu haben in der Berufswelt: Sie sind weniger oft in Führungspositionen vertreten, werden nur eingestellt, wenn sie nicht vorhaben, demnächst schwanger zu werden, und verdienen in vielen Ländern schlichtweg einen Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen. In Deutschland wurde deswegen eine Quote eingeführt, die es Frauen erleichtern soll, in Führungspositionen zu arbeiten. Die deutsche Familienministerin Manuela Schwesig fordert zusätzlich ein Lohngerechtigkeitsgesetz. Beschäftigte sollen das Recht erhalten, die Gehaltsstrukturen in ihren Bereichen zu erfahren. Diese Transparenz zwinge die Arbeitgeber, die Gehälter der Männer und Frauen anzunähern. Doch sind die messbaren Unterschiede im Gehalt wirklich das Resultat von Diskriminierung – was möglicherweise staatliche Eingriffe, wie beispielsweise Quoten legitimieren würde?

Ein erklärter und ein unerklärter Anteil

Eine Studie des Instituts für deutsche Wirtschaft Köln (IW) untersuchte die Lohnunterschiede in Europa mit Daten aus 2013. Dabei wird zwischen einem erklärten und einem unerklärten Teil der Entgeltlücke unterschieden. Der erklärte Teil umfasst also objektiv messbare Unterschiede wie Führungsverantwortung, Erfahrung und Erwerbsumfang oder auch Unterschiede in Branche und Unternehmensgrösse. Der unerklärte Teil kann statistisch nicht durch objektiv messbare Grössen erklärt werden und weist daher auf Diskriminierung hin. Abbildung 1 zeigt, dass in der Schweiz lediglich 2,9 Prozent und in Deutschland 6,6 Prozent unerklärt sind. Besser als die Schweiz schneiden nur die Niederlande mit 2,5 Prozent ab.

Abbildung 1: Erklärter und unerklärter Anteil der geschlechtsspezifischen Entgeltlücken in europäischen Staaten (Quelle IW-Report)

Gründe für die Lohnlücke

Spannend ist auch die Analyse der erklärenden Faktoren. Welche individuellen Entscheidungen und Veranlagungen können den doch beachtlichen Unterschied zumindest teilweise erklären?

Die Studie schlüsselt den erklärten Teil der Lohnlücke in Deutschland auf. Ergebnisse zeigen, dass insbesondere die Erwerbserfahrung und der Erwerbsumfang rund 30% der Lohnlücke erklären können. Frauen arbeiten deutlich häufiger in Teilzeit und haben meistens weniger Berufserfahrung, da sie während der Kindererziehung ein paar Jahre aussetzen mussten. Außerdem erklären Unterschiede in Branche und Betriebsgrösse weitere 25%. Männer arbeiten oftmals in Branchen, die an sich schon besser bezahlen wie die Industrie. Frauen sind öfter im Gesundheits- und Sozialwesen beschäftigt - Branchen mit tieferen Löhnen. Zudem übernehmen Frauen seltener verantwortungsvolle Jobs. Besonders in Führungspositionen sind Frauen weniger vertreten. 

Abbildung 2: Gründe für die Lohnlücke in Prozent. Die gesamte Lohnlücke entspricht 100% (Datenquelle: IW Köln)

Ist also alles gut in der Berufswelt?

Das Ergebnis stösst auf Kritik. Das Institut für deutsche Wirtschaft gelte als arbeitgebernah und versuche somit die Lohnlücke kleinzureden, so die Familienministerin Schwesig. Sie beharrt auf ihrem Lohngerechtigkeitsgesetz. Für sie steht fest: Deutsche Frauen verdienen auch nach der neuen Studie im Schnitt bei gleicher Qualifikation und vergleichbaren Stellen sieben Prozent weniger als Männer. Das sei kein hinnehmbarer Zustand. IW-Direktor Michael Hüther sieht das anders. Seine Studie zeige, dass die Politik keine Begründung hat, um in die Wirtschaft einzugreifen. Bis zum 29. Lebensjahr verdienen Frauen fast genauso viel wie Männer. Dann kommt das erste Kind und der Lohnunterschied vergrößert sich. Es bleibt die Frage offen, ob eine Lohnlücke auf Grund einer Geburt gerecht ist. Schließlich können Männer schlichtweg nicht gebären.

Obwohl die Ergebnisse kontrovers sind, gibt die Studie spannende Einblicke in die Zusammensetzung der Lohnlücke – gerade auch für Studentinnen, welche nicht möchten, dass sie eines Tages weniger verdienen als ihre Kommilitonen.


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