Im Schweizer Bildungssystem entscheidet man sich schon früh zwischen einer spezifischen Berufslehre und der allgemeinbildenden Matura. 2014 wählte jeder fünfte Jugendliche in der Schweiz den Weg über eine gymnasiale Matura, während zwei Drittel der Kohorte nach dem Ende der obligatorischen Schulzeit eine Berufsausbildung begannen. Dank der spezifischen, praktischen Qualifikation sind Lehrabgänger schon früh in den Arbeitsmarkt integriert und erzielen Einkommen. Doch wie sehen die Löhne und das Risiko der Arbeitslosigkeit über das Erwerbsleben aus? Basierend auf einer Studie der Universität Lausanne diskutiert dieser Blogbeitrag die Erwerbseinkommen und das Risiko der Arbeitslosigkeit dieser beiden Bildungswege.

Vorsprung dank Lehre

Die Studie nutzt Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) der Jahre 1991 – 2014 für Personen, welche mindestens 20 Wochenstunden arbeiten. Abbildung 1 zeigt die Median-Jahreslöhne über das Erwerbsleben für Maturaabgänger im Vergleich zu Lehrabgängern in verschiedenen Branchen. Wie erwartet erzielen Lehrabgänger am Anfang des Erwerbslebens höhere Einkommen. Doch spätestens ab Mitte 30 erzielt die Gruppe mit einer allgemeinen Ausbildung ein höheres Medianeinkommen. Grosse Unterschiede gibt es nach Geschlecht. Während die Medianeinkommen bis zum dreißigsten Lebensjahr ähnlich verlaufen, gibt es danach grosse Unterschiede im Trend. Die Einkommen der Männer legen bis 40 stark zu. Für Frauen sind sie gar rückläufig.

Abbildung 1: Median-Jahreslohn nach Alter für verschieden Berufsbildungs-Typen (Quelle: Korber & Oesch, 2016)

Höheres Einkommen dank Studium

Eine genauere Betrachtung des höchsten Bildungsabschlusses zeigt, dass vor allem Leute mit Studium im Vergleich zu einem Lehrabschluss deutlich höhere Einkommen erzielen. Individuen mit einem Tertiärabschluss – also einem Uni- oder FH-Abschluss - verdienen bereits vor 30 deutlich mehr. Dies widerspiegelt jedoch nur beschränkt den Wert der Matura. Viele ambitionierte Lehrabgänger bilden sich mit einem FH-Studium auf Tertiärstufe weiter aus.

Eine Tertiärausbildung hat Opportunitätskosten. Nur 50% der Individuen mit Tertiärbildung sind zwischen 20 -25 mit über 20 Wochenstunden erwerbstätig. Lohnt sich diese Investition? Dazu ein vereinfachtes Gedankenspiel (ohne Steuern und Arbeitslosigkeit):

Angenommen ein Student arbeitet von 20 – 25 nicht. Dadurch entgehen ihm 5 x 60‘000 = 300‘000. In den nächsten 15 Jahren verdient er dank Studienabschluss ca. 10‘000 zusätzlich pro Jahr im Vergleich zum Lehrabgänger. In den Jahren 40 – 65 ist die Differenz gar 40‘000 jährlich.

Differenz: - 60‘000 x 5 + 10‘000 x 15 + 40‘000 x 25 = 850‘000

Dieses grobe Gedankenspiel zeigt, dass sich im Median die Investition in ein Studium auch finanziell deutlich ausbezahlt. Natürlich ist der Vergleich konstruiert, da sich die beiden Gruppen in vielen Dimensionen unterscheiden.

Abbildung 2: Median-Jahreslohn nach Alter und höchstem Bildungsabschluss (Quelle: Korber & Oesch, 2016)

Tiefe Arbeitslosigkeit der Lehrabgänger

Neben dem Einkommen gilt es auch das Risiko der Arbeitslosigkeit zu beachten. Lehrabgänger verzeichnen vor allem am Anfang der Berufslaufbahn eine tiefere Arbeitslosenquote. Dank einer spezifischen Ausbildung verläuft die Integration in den Arbeitsmarkt reibungsloser. Ab Mitte dreißig stabilisieren sich die Werte für beide Ausbildungswege auf tiefem Niveau.

Abbildung 3: Arbeitslosenquote nach Alter und Ausbildung (Quelle: Korber & Oesch, 2016)

Frauen fahren besser mit allgemeiner Bildung - Lehre zahlt sich aus für Männer

Um die Vergleichbarkeit der beiden Gruppen zu verbessern, kontrollieren Korber & Oesch für Unterschiede im regionalen und sozioökonomischen Hintergrund der Befragten. Zudem werden die Einkommen nach dem Risiko von Arbeitslosigkeit gewichtet. Diese gewichtete Analyse zeigt ein etwas anderes Bild. Die deskriptiv gezeigten Lohnvorteile einer allgemeinen Bildung im Vergleich zur Berufslehre bestehen vor allem für Frauen. Männer erzielen mit einer spezifischen Berufslehre gar ein über 3% höheres Einkommen über die Berufslaufbahn, wenn man für den sozioökonomischen Hintergrund kontrolliert und die Arbeitslosigkeit in Betracht zieht. Diese Unterschiede scheinen sich auf die Entscheidung auszuwirken: Die Maturitätsquote der Mädchen war in 2014 über 6 Prozentpunkte höher als bei den Jungen.

Evidenz für Wert eines Studiums

Welche Schlüsse können daraus gezogen werden? Die Studie liefert spannende deskriptive Evidenz. Bezüglich der individuellen Entscheidung zwischen Berufslehre und Matura lässt sie wohl nur wenige konkrete Schlüsse zu. Zu unterschiedlich sind die beiden Gruppen. Die Eintrittshürden für das Gymnasium sind hoch d.h. nur die Schüler mit den besten schulischen Leistungen können diesen Weg beschreiten. Man weiss nicht, welche Entwicklung diese Schüler mit einer Lehre gemacht hätten. Eine detaillierte Analyse zeigt jedoch, dass die grossen Unterschiede auch stark durch Unterschiede im sozioökonomischen Hintergrund getrieben sind. 

Die deskriptive Analyse verdeutlicht jedoch den Wert eines Studiums. Ob ein Studium an einer Universität nach der Matura oder ein Fachhochschulabschluss nach der Berufslehre: Leute mit einem tertiären Abschluss erzielen höhere Einkommen.

 

Grafiken und Analysen im Blogbeitrag stammen aus der Publikation Beschäftigungs- und Lohnperspektiven nach einer Berufslehre. Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz.

 

 

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